Ein mittelalterlicher Minnesänger, der vor 1200 Jahren starb? Ein Gesetz, das vor 5 Jahren verabschiedet wurde? Das Zeitzeichen hat eine riesige Palette hörenswerter Geschichte(n) im Repertoire. Nach dem kleinen Rückblick wird es zeitgenössisch, denn im Tagesgespräch können Hörer zum Hörer greifen und sich live in die Diskussion mit Moderator und Fachmann einschalten. Eine schöne Kombination zum zweiten Frühstück.

Das Zeitzeichen läuft um 9 Uhr , das Tagesgespräch im Anschluss um 9.20 Uhr, beide auf WDR 5. (Wh. Zeitzeichen 17.45 auf WDR 3 und 20.15 Uhr auf NDR Info)

Was macht eigentlich Friedrich Küppersbusch? Der geniale Ex-ZAK-Moderator schreibt ab und zu für die Tageszeitung, produziert fleißig diverse Sendungen und war mal für die Radio-Bremen-Intendanz im Gespräch. Leider etwas wenig öffentlichkeitswirksam, das alles. Aber: er komm(entier)t auch im Radio.

Die Woche beginnt für Hörer des Schönen Morgens mit einem Küppersbusch-Kommentar. An anderen Tagen wird der Platz um kurz nach acht Uhr von Tagesspiegel-CR Lorenz Maroldt, Parlamentskorrespondentin Ulrike Bieritz, Hans-Ulrich Jörges, Henryk M. Broder und Hans Leyendecker bespielt – eine meinungsfreudige Mischung.

Bei so einem Sendungstitel kann’s einem ja gar nicht schlecht gehen. Der Schöne Morgen immer von 5 bis 10, am Wochenende von 6 bis 9 Uhr auf Radio Eins.

Ich verbrachte ein paar Tage im Nirgendwo, aber ich hatte die Welt im Radio. Es war in Bad Wörishofen, dem kleinen Kneipport im Unterallgäu, wo ich das 2. Programm des BR kennenlernte und die wunderbaren Zeitfunksendungen. Besser hat noch kein Sender meinen morgendlichen Geschmack getroffen: eine hohe Informationsdichte, bei der aber auch ein bisschen Unterhaltung und eine klasse Musikfarbe dabei sind. Etwa viermal pro Stunde eine Platte, die wirklich handverlesen ist und nicht zufällig von der Airplay-Liste ausgespuckt – der Bogen geht von Paul Anka über Peter Licht bis hin zu portugiesischem Chanson. Zum Schluss steht immer die Glosse „Ende der Welt“.

Es sind die kleinen Details, die beweisen, dass hier noch mit viel Liebe Radio gemacht wird: Die Moderatoren bedanken sich zum Beispiel on air bei ihren Interviewpartnern und wünschen ihnen einen schönen Tag. Auf anderen Wellen wäre das eine undenkbare Zeitverschwendung. Freitags wird angekündigt, wer am Montag moderiert – im schnelllebigen Radiobusiness völlig wurscht, aber bei Charakteren von Belang. – Außerdem, ich geb’s ja zu, strahlen für mich südöstliche Dialekte Gemütlichkeit aus.

Die Radiowelt-Frühausgabe läuft von 7 bis 8 Uhr 30. Weitere Sendungen um 13 und 17 Uhr, alle auf Bayern 2.

Die nachtschlafende Zeit wäre überstanden. Man verzeihe mir, dass mir zur Fünf-Uhr-Stunde nichts anderes als um vier eingefallen ist. Aber um 6 geht die Primetime los, hier gibt jeder Sender sein Bestes. Wie es so früh schon ein Echo geben kann, wissen wohl nur die Leute beim WDR, die sich die Sendungsnamen ausdenken (und das Morgenecho in Analogie zum Mittagsecho und Echo des Tages betitelt haben) – de facto wären die Nachbarn wohl wenig erfreut, wenn man sie lauthals nach dem Geschehen in Wesel, Wien oder Washington fragen würde. Das Morgenecho hat trotzdem auf alles eine kompetente Antwort. Eine solide Zeitfunksendung ohne viel Schnickschnack.

Das Morgenecho erschallt montags bis freitags von 6 bis 9 Uhr auf WDR 5.

Trotz Grübelns kann ich mich nicht entsinnen, in der Stunde von 4 bis 5 ein denkwürdiges Radioerlebnis gehabt zu haben. Selbst die Wahlen zum Studentenparlament, über die ich weiland berichtete, waren um diese Zeit ausgezählt. Wer also hören möchte, greife z.B. zum ARD-Nachtexpress, dem Nachtkonzert oder der Popnacht. Je nach Veranstalter mal klasse, mal mäßig. Anders als die vorher erwähnten D-Radio-Formate handelt es sich hier aber in der Regel um Laufbandsendungen, also eine bloße Abfolge von Musiktiteln und deren Ansagen. Trotzdem tausend Mal besser als tote Festplattenplayliste.

Musikjournalismus kommt ein bisschen aus der Mode, scheint es, wenn man die Massenprogramme verfolgt. Da dienen die Hits oft nur als Klangtapete. Eine Musik-Einschaltsendung versteckt sich hingegen dort, wo die Nacht am tiefsten ist. Die Tonart im Deutschlandradio ist täglich eine andere – in der Reihe Filmmusik singt zum Beispiel Heike Makatsch Lieder von Hildegard Knef oder M.I.A. spielen aus dem Soundtrack zu Slumdog Millionaire. In anderen Nächten stehen Chansons, Musicals, Rock oder Countrylieder auf dem Programm.

Ein Balsam für nächtliche Autofahrten, solange die Frequenz reicht. Den Verkehrsservice kann man ja vom Radio automatisch zuspielen lassen, damit man auch keinen „Schwertransport, der nicht überholt werden kann“ verpasst. Die gespielten Titel kann man hier nachlesen.

Die Tonart läuft von 2 bis 5 Uhr (Samstag früh erst um 3) bei Deutschlandradio Kultur.

Zu dieser Zeit läuft die wohl längste monothematische Sendung im deutschen Radio zum Finale auf: die Lange Nacht. Mitternacht plus drei Stunden heißt der Rahmen, immer von Freitag auf Samstag. Und die Themen? Ian Fleming war im vergangenen Juli dran, ich habe diese Sendung geliebt. Romanzitate, ungewöhnliche Bond-Musiken, gute Gäste… Die Archiv-Seite verrät schon etwas von der Akribie, die dahintersteckt.

Neulich drehte sich’s ums Bauhaus – Architektur im Radio, sehr bemerkenswert. Später im April wird es um einen „Jahrhundertspaziergang durch Berlin“ gehen oder die Mäzenin und Nähmaschinenerbin Winnaretta Singer. Abseitig? Bisweilen ja. Aber meist sehr gut zusammengestellt, man hat im Maximalfall ja drei Stunden, um sich überzeugen zu lassen – und wenn’s nicht zusagt, schwebt der Zuhörer in einen wunderbaren Schlaf. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Lange Nacht läuft in Nächten von Fr. auf Sa. im Deutschlandradio Kultur (0 bis 3 Uhr)  und wird in Nächten von Sa. auf So. im Deutschlandfunk wiederholt (23 bis 2 Uhr).

Für den April gibt es hier im Ohrensessel eine besondere Serie. Im Stundenporträt stelle ich vor, was es in jeweils einer Stunde des Tages Bemerkenswertes im Radio gibt – am 1. April für die Zeit von 1 bis 2 und so weiter. Das alles recht spontan, wie immer subjektiv und im Moment noch ein bisschen in Furcht vor der Nachtlücke… denn da schlafe auch ich in der Regel, radiolos.

Zum Auftakt erstmal ein Klassiker, denn um eins beginnt Deutschlands wohl prominentester Nacht-Talker sein, ähm, Tagwerk. Domian gibt es schon seit 1995, und es stört kein bisschen, dass Jürgen Domian mit 51 Jahren älter als viele seiner Hörer ist. Neben dem nicht zu bestreitenden Kuriositätenfaktor mancher Geschichte (wer hat noch nicht vom Hackfleisch gehört? brr) erfüllt die Sendung eine wichtige tröstende Funktion. Kein Schicksal ist einzigartig auf der Welt, und es gibt kein Thema, über das sich nicht sprechen lässt. Hier werden Menschen nicht vorgeführt, wie in den berüchtigten Nachmittagstalkshows, die oft schon ihren gerechten Tod gestorben sind. Anders Domian, den es hoffentlich noch lange geben wird. Die intime Hörsituation nachts verstärkt den ungeheuren Effekt der Sendung.

Domian läuft montags bis freitags auf 1Live.

Mir wäre ja ein orthopädisch-mystischer Krimi namens Hexenschuss lieber gewesen. Aber vorschnell sollte ich auch nicht über den neuen BR-Tatort urteilen. Es geht um den Mord an einer 17-jährigen Dorfschönheit aus Bruck am Inn, und auf die historischen Querverbindungen in die Nach-Mittelalter-Zeit bin ich neugierig. Faszinierend übrigens das Alter der Ermittler. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich langsam altere, aber die Schauspieler Brigitte Hobmeier und Florian Karlheim sind beide Jahrgang 1976 – das halte ich spontan mal für einen Tatort-Rekord. Im Fernseh-Tatort ist mir auch kein jüngerer Darsteller bekannt.

„Hexenjagd“ läuft u.a. heute um 22 Uhr bei SWR 2 und am Samstag um 10 und 23 Uhr auf WDR 5. Außerdem ab Dienstag zum Nachhören und Downloaden im Netz.

seattle-piARD-Westküstenkorrespondent Jan Tussing berichtet über das Zeitungssterben in den USA. Ende Februar ging der Seattle Post-Intelligencer in die ewigen Online-Gründe ein. Eine große Bedrohung für den nicht-ehrenamtlichen Journalismus, die durchaus auch nach Deutschland kommen kann.

Das Photo zeigt Flickr-User Skagit IMS, der die letzte papierne Ausgabe des Post-Intelligencers liest – passenderweise auf einem Baumstumpf.

Er schreibt sinngemäß: „Abgehauene Bäume oder der linke Schund in den Leitartikeln waren nicht die größten gesellschaftlichen Leistungen dieser Zeitung.“ Lizenz.

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