Sind wir zu mehreren in einem Raum, dann fällt uns das bloße Zuhören oft schwer. Wenn es zugleich was zum Anschauen gibt, ist das kein Problem. Aber sich hinsetzen und nur die Ohren aufsperren, ohne dass wenigstens ein Quasi-Standbild (etwa ein Pastor oder ein Sinfonieorchester) als optische Tankstelle dient? Darauf sind wir nicht trainiert.

Besonders ärgerte mich dieses Unvermögen während des EM-Halbfinalspiels gegen die Türkei. Bildstörung in Wien, aus Basel kommt nur der Ton. Aber in der Bockenheimer Kneipe, in der ich das Spiel verfolge, zetern die Gäste so lautstark „wir sehen nix“, dass keiner auf die Idee kommt, man könne ja probieren, zumindest etwas zu hören. (Dass Bela Rethy kein begnadeter Radiokommentator war, tut nichts zur Sache, denn das Publikum ließ ihm nicht mal eine Chance.)

Eine Veranstaltung in Berlin gab mich aber den Glauben ans gemeinsame Hören zurück. „Öffentliche Featurepräsentation“ nannte sich das, der hervorragende Jens Jarisch war mit seinem „Geheimnis des geliehenen Geldes“ auf der Bühne, und etwa hundert Gäste saßen im Publikum. Gut, dachte ich mir, präsentiert werden wohl ein paar Minuten und dann geht die Diskussion los. Aber nein: aus den Lautsprechern tönten die vollen 55 Feature-Minuten. Und trotz des sperrigen Themas (es ging um Deutschlands Staatsverschuldung) waren fast alle ganz Ohr.

Advertisements