0.00 Uhr – „Du errettest, was verloren“ – die Europahymne beschließt das Tagesprogramm im liegenvorradio1Deutschlandfunk (Stream). Zeit für mich, den Fernseher auszustellen und mich ab jetzt ganz dem Radio zu widmen. Prima, dann stört auch die hässliche Bildschirmarchitektur von CNN nicht mehr.

0.06 Uhr – Das Deutschlandradio hat Erfahrung mit langen Nächten. Sogar mit „Langen Nächten“, denn jedes Wochenende gibt es unter diesem Label die wohl längsten monothematischen Sendungen im deutschen Radio. (Na gut, abgesehen von den Superhits-Sendungen anderer Kanäle.)

0.14 Uhr – Annette Riedel sitzt im German Marshall Fund zu Washington, und die DLF-Frau empfiehlt einen genauen Blick auf den Leithammelstaat Ohio. Ich kannte bisher nur beschwingte Swing States und den Hammelsprung aus Berlin. Aber bei diesem tierischen Phänomen handelt es sich, platt gesagt, um opportunistisches Sieger-Wahl-Verhalten. Werden wir gegen 1.30 Uhr sehen.

0.22 Uhr – Wahnsinn, diese monatelange Kandidatenkür. Viele Deutsche dachten ja schon, Barack Obama sei gegen Hillary Clinton seinerzeit zum Präsidenten gewählt worden. Das Rennen durch die Vorwahlen wird mit vielen O-Tönen wieder aufgerollt, beim Applaus-Tosen wird rasch ausgeblendet.

0.27 Uhr – Oha, jetzt geht es um uns Blogger. Zur Beobachtung der Blogosphäre sitzen in einem Nachbarstudio extra zwei Beobachter: Moritz Metz und Philipp Banse. Sie erklären prima verständlich „was das alles überhaupt ist“ und was Web 2.0 im Wahlkampf zu suchen hatte.

0.30 Uhr – nach einer knappen halben Stunde sehr kurzweiligen und informativen Wortbeiträgen am Stück spielt der Deutschlandfunk jetzt zum ersten Mal Musik: Randy Newman über vermeintlich inzuchttreibende Hinterwäldler in Kentucky. Da müssen die Blogger schmunzeln, was sympathischerweise noch kurz vor den ersten Takten über den Sender geht.

0.32 Uhr – a propos Blogger: Schönen Gruß rüber zu Lukas, der sich bei Coffee and TV auch die Nacht um die Ohren schlägt, alles für die Demokratie. Er beobachtet das Fernsehprogramm auf einem 33-Zentimeter-Gerät.

0.35 Uhr – Ich nutze die Kentucky-Klänge zum ersten Umschalten: auf meinen Haussender hr-info aus Frankfurt. Hier schaltet man gerade live zur Wahlparty des Generalkonsulats. Immerhin die größte US-Auslandsvertretung der Welt. Hm, dort gibt’s Hostessen mit Getränken, außerdem Kuchen – will auch!

0.39 Uhr – Dr. Christian Lammert erklärt das Prinzip „The winner takes it all“ anschaulich und mit sonorer Stimme. Er ist allerdings kein schwedischer Popsänger, sondern arbeitet am Zentrum für Nordamerikaforschung an der Uni Frankfurt. Schade, man kann nicht alles haben.

0.45 Uhr – Während hr-info auch mal in den Rest der Welt blickt, blicke ich mit leicht schlechtem Gewissen plotamericaauf Philip Roths „The plot against America“ rüber, das neben der Stereoanlage auf dem Teetisch liegt. Habe das Buch trotz spannenden Plots irgendwie immer wieder beiseite geschoben. Es ist eine Art Parallel-Science-Fiction aus dem Jahr 1940.  Charles Lindbergh hat, so die Story, kandidiert, die Präsidentschaftswahl gegen Roosevelt gewonnen und beginnt eine faschistische Annäherungspolitik an das Dritte Reich. Jetzt hätte ich mal Zeit, aber wenn ich jetzt mit Lesen anfange, verpass ich ja die 2008er Wahl!

0.58 Uhr – Hmpf. Jetzt muss ich den titelgebenden Ohrensessel kurz verlassen, weil ich irgendwo meine Fernbedienung verklüngelt habe :-/

1.01 Uhr – Dabei geht’s jetzt los. Kentucky und Vermont werden beim amerikanischen National Public Radio hochgerechnet – ersterer für McCain, letzterer für Obama.

1.04 Uhr – Fernbedienung war in einer Falte der Sofadecke. Ein Glück.

1.06 Uhr – Das wusste ich auch noch nicht: Vor einigen Wahllokalen unterhalten „Line Managers“ die Schlangestehenden. NPR berichtet über eine solche Dame in Columbus, Ohio.

1.13 Uhr – Zum ersten Mal wird es ein wenig fad, das amerikanische Radio spielt O-Töne von Menschen, die erzählen, wie sie heißen, und wen sie gewählt haben. Aber immerhin gab es noch keine einzige „Was-wäre-wenn-Spekulation“. An die erinnere ich mich noch von 2004 aus dem Fernsehen zuhauf.

1.24 Uhr – Sollen deutsche Medien auch explizite Wahlempfehlungen abgeben, so wie es zum Beispiel der „Economist“ oder US-amerikanische Zeitungen pflegen? Prof. Hans-Jürgen Schröder von der Uni Gießen sagt bei SWR 2 „ja“. Das sei allemal besser als eine Scheinobjektivität.

1.32 Uhr – Ausgerechnet Deutschland eine Hochburg von McCain/Palin? Das vermutet zumindest eine Live-Schaltung des SWR zur Atlantischen Akademie in Kaiserslautern. Grund: Viele in Deutschland lebende Amerikaner sind Armeeangehörige, und als solche eher Republikener-Klientel.

1.38 Uhr – Wunderbar. Im Radio toben keine Statistiker wie im Fernsehen (davon lese ich in Nachbar-Live-Blogs), sondern man spielt ein paar Takte aus der Oper „A streetcar named desire“. Dann meldet sich Washington, jetzt geht es in den nächsten drei Staaten vom Wählen zum Zählen.

1.46 Uhr – Umweltsäue? So pauschal darf man die Amerikaner nicht abkanzeln. In Neumexiko entsteht das größte geothermische Kraftwerk der Welt – mitten in der Wüste soll aus heißer Erde Strom erzeugt werden. Hier sieht man die Zentralregierung in Washington als Bremser in Ökofragen. Auf WDR 5, bei dem ich mittlerweile vorbeischaue höre, berichtet Westküstenkorrespondent Jan Tussing von diesem heißen Thema.

1.57 Uhr – Hermann-Josef Tenhagen, Finanztest-Chefredakteur, amüsiert sich auf einer Berliner Wahlparty und hat dort auch eine der berüchtigten Wahlmaschinen ausprobiert.

2.08 Uhr – Nach den neuesten Eindrücken live aus den Staaten kommt musikalisch der volkreichste von ihnen zu Gehör: „California Dreaming“ im WDR. Bis wir aber so weit sind, fallen noch etliche Blätter vom Baum.

2.17 Uhr – Mal wieder rüber zu NPR. Der frisch wiedergewählte Gouverneur von West Virginia, Joe Manchin wird interviewt und fragt den Moderator zur Begrüßung „und wie geht’s Ihnen denn?“. Sympathisch.

2.19 Uhr – … um kurz darauf zum Dank unterbrochen zu werden. „Sorry, new results in! We need to tell the folks“

2.25 Uhr – Wusste gar nicht, dass die größte Stadt in New Hampshire den Namen Manchester trägt. Tja, dort jubeln eher die Demokraten.

2.34 Uhr – Manchester regt mich dazu an, mal zu Radio 4 zu switchen. Da wird der Akzent auch gleich vertrauter :-)alvinhall

2.41 Uhr – Beinahe zu Tränen gerührt frohlockt Alvin Hall, ein Afroamerikaner, der für die BBC moderiert, weil mit Obama erstmals ein Schwarzer geradewegs aufs Präsidentenamt zustrebt. Dazu spielt Radio 4 die berühmte, 44 Jahre alte Rede von Lyndon B. Johnson: „There is no Negro problem. There is no Southern problem. There is no Northern problem. There is only an American problem.“

2.54 Uhr – Aus britisch-königlichem Umfeld ist kein Statement zu bekommen, solange das Endergebnis nicht feststeht. Nicht mal für die BBC!

3.00 Uhr – Zum ersten Mal fällt mir bewusst die Vokabel „Morgen“ auf. Der Streamempfang ist jetzt auf Babelsberg gerichtet, dorther kommt der „Amerikanische Morgen“. Brr, schon so spät bzw. früh – aber es ist in der Tat eine historische Nacht.

3.10 Uhr – Radio Eins weist auf eine erfreuliche Tatsache hin: Die Wahlbeteiligung ist mit 75 bis 80 Prozent der Wahlberechtigten offenbar auf einem historischen Hoch. Everlast wollten den noch amtierenden „Emperor“ umbringen, so singen sie gerade, aber das geht dann doch ein Stück zu weit. Und ist außerdem gar nicht mehr nötig.

3.16 Uhr – In Australien essen sie jetzt grad zu Mittag. Genauso nett finde ich allerdings die USA-Tournee, die Tony Eastley und seine zwei Producer von der Frühsendung der Australian Broadcasting Corporation (ABC) gemacht haben. Ihre „Roadshow“ ist online nachzuhören.

3.23 Uhr – Doppelte Rückkehr: Im Deutschlandfunk geht es auch um eine Art Parallelgeschichte, aber nicht  Roth, sondern Paul Auster spekuliert diesmal: Wie wären wohl die letzten Jahre verlaufen, wenn Al Gore Präsident geworden wäre? (Was bei einem anderen Wahlsystem ja der Fall gewesen wäre.)

3.33 Uhr – Dieser Gedanke mit dem australischen Essen… ich mach mir mal ein Knäckebrot mit Vegemite! Man darf ja nicht vom Fleische fallen.

3.42 Uhr – Im Deutschlandfunk wird gerade darüber diskutiert, dass im deutschen Radio eher wenig diskutiert wird. Das „Talk Radio“-Format gibt es hierzulande tatsächlich nur in vereinzelten Sendeflächen. In Amerika floriert es, wie zum Beispiel bei dieser New Yorker Station.

3.48 Uhr – Ebenda wird natürlich auch jetzt geplaudert. Bob Grant ist ein Klassiker des konservativen Krawalltalks, aber heute scheint er ganz gesittet Ergebnisanalyse zu betreiben.

3.57 Uhr – Korrespondentin Lena Bodewein bringt die Eisbahn am New Yorker Rockefeller Center vor mein akustisches Auge. Diese ist in eine große US-Landkarte verwandelt worden und wird nach und nach blau und rot (naja, eher blau) eingefärbt.

3.58 Uhr – Und nach der Schalte spielt der NDR „Walking in Memphis“. Wunderbar!

4.06 Uhr – Auf das Wahlspektakel im Fernsehen mit der modernen Technik muss ich auch nicht im Radio verzichten. Das wird mir in einem aktuellen Beitrag beschrieben. Sieht wahrscheinlich ganz nett aus, klingt für mich aber weder nützlich noch besonders übersichtlich. Jedenfalls: „Wahlforschung in Deutschland wirkt dagegen so dynamisch wie eine Wanderdüne“, sagt Claudia Plaß.

4.23 Uhr – Ich hätte ja gern auch die Innovation „Untertiteltes Radio“ ausprobiert, die NPR erstmals anbietet. Die sogenannten Stenocaptioners sind so fleißig zugange, den Wortschwall einzutippen, auf dass Schwerhörige und Taube davon profitieren. Aber der Link funktioniert bei mir leider nicht. – Andererseits: Ob das alles so furchtbar sinnvoll ist, wenn die Leute sowieso im Internet sind, um diesen Service zu nutzen?

4.33 Uhr – Da geht sie los, die Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ im SWR. Hmm, auch wenn’s nur der erste Satz wird, dauert das neun Minuten :-) Aber das gibt Zeit, die Diskussion über McCains Fehler zu reflektieren und kurz dorthin zu verschwinden, wo auch der Präsident allein hingeht.

4.49 Uhr – Zum ersten Mal schalte ich wegen einer nervigen Musik um. Sorry, NPR, aber dieses irische Folk-Gedudel geht um diese Zeit gar nicht.

4.53 Uhr – Nordamerika ist ja noch ein Stückchen nördlicher. Im englischsprachigen Programm der CBC verkünden sie allerdings, dass gleich fast alle verbliebenen Wahllokale schließen.

5.03 Uhr – Obama scheint durch, denn Kalifornien ist eine sichere demokratische Bank. Olli Briesch und Michael Imhof starten ihre Sendung bei Eins Live.

5.05 Uhr – Der DLF sendet seine jetzt beginnenden „Informationen am Morgen“ sogar live aus Washington.

5.07 Uhr – Alaska wird es auch nicht herumreißen. Damit kann ich beruhigt ins Bett gehen. Hinter mir liegt eine angenehme und anregende Radio-Wahlnacht. Ich bin mal gespannt auf die Erzählungen von Leuten, die das Ganze im Fernsehen angeschaut haben. Ach ja: Am Wochenende wird in Neuseeland gewählt!

Photos: (c) Philip Roth: Amazon, Vintage; Alvin Hall: CC-BY-SA-2.0, Quelle

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