Seit der Oberstufenzeit lese ich die FAZ, seit bald fünf Jahren sogar täglich. Nie musste ich in ihr einen größeren Unsinn finden als heute auf der Medienseite (leider nicht online). Unter der Überschrift „Der Deutschlandfunk funkt oft daneben“ plustert sich der Autor Martin Ruff gut 200 Zeilen lang auf; und weil seine Kritik wenig Substanz hat, verheddert er sich in Lächerlichkeiten.
Ruff schreibt ausschließlich über sprachliche Fehlleistungen. Das ließ mich neugierig werden: würde dem Sender jetzt ein zu elitäres Formulieren vorgeworfen? Könnte ein interessanter Ansatz sein. Aber, Überraschung, das Gegenteil ist der Fall. Der Deutschlandfunk wird hingestellt, als ob er täglich auf den Duden urinierte.
zim_und_bomDie Belege sind u.a. Wendungen wie „das südafrikanische Zimbabwe“, „schwere Kriegsgeräte“ sowie die Aussprachen von Missouri und Edinburgh (als stimmloses „Miss Suhri“ und „Ehdinbörg“). Herrje. Dazu das feuilletonbekannte Lamento vom „Sinn machen“ und über „Füllwörter(…) und Schludrigkeiten wie sozusagen, ansonsten und gleichwohl“.
Dass ein Radiosender sich eventuell von einer Zeitung dadurch unterscheiden könnte, dass dort nicht getippt, sondern – oh Schreck – auch live gesprochen wird, auch mit sporadischen Fehlern, kommt Martin Ruff nicht in den Sinn. Ich kenne ihn nicht persönlich – vielleicht redet er druckreif – aber einem Wortprogramm sämtliche Lapsus* zu verbieten, mutet schon abenteuerlich an.
Ein kurzer Blick auf die Titelseite der FAZ liefert übrigens „Schludrigkeiten“ ähnlicher Güte: unschöne Substantivierungen à la „Demonstranten versammelten sich zur Unterstützung der Regierung“, das komische Bild einer „Kluft zwischen Armen und Reichen“, die „zum Himmel schreit“, Delhi wird zur Hauptstadt Indiens und Bombay eine „südindische Finanzmetropole“. Da war ja Zimbabwe südafrikanischer. Man sieht an dieser Erbsenzählerei: Das ist alles nicht hundertprozentig, aber die deutschen Medien haben sicher schlimmere Probleme. Sogar schlimmere sprachliche Probleme als diese, wohlgemerkt.
Nun kann man sagen, dass Kritik vor allem ein Zeichen der Wertschätzung ist, und tatsächlich räumt Ruff in einem Absatz ein, es gebe „Anlass genug für Lob“. Und auch ich könnte mit der bisherigen Darstellung leben, ohne sie mir zu eigen zu machen. Wenn der Autor aber behauptet, „sprachliche Fehlleistungen (seien) aus dem Programmangebot nicht mehr wegzudenken“, übertreibt er maßlos. Wenn er Wittgenstein als argumentativen Beistand bemüht, missversteht er, dass nicht der Deutschlandfunk die Grenzen der Sprache „immer enger“ zieht, sondern er selbst.
genitivquatschBei seinem abschließenden Beispiel stolpert Ruff über diesen selbstgewählten Zaun (siehe Zitat). Meint er, dass bei der Krönung Elisabeths ihre eigene Hand im Spiel war? Oder dass die Beachtung der Regeln dadurch erfolgt, dass letztere Abstrakta irgendetwas Drittes beachten? Das ist zu lächerlich. Und in diesem Kontext peinlich dazu. Das Phänomen heißt übrigens Genitiv des Objekts, und FAZ-Autoren mit Latinum geben sicher gern Nachhilfe.
Widerstand gegen die – nach Martin Ruff – näher rückende kulturelle Katastrophe sollte der Deutschlandfunk leisten? Das tut er. Täglich. Ruff liefert mit seinem Erguss, in dem er übrigens keinerlei Stellungnahme des geschmähten Senders ertragen will, etwas Schlimmeres als fehlerhafte Sätze: überflüssige.

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* dieser Besserwisser-Plural sei mir in diesem Kontext gegönnt :-)
Landkarte ist eine Bearbeitung unter Creative Commons 2.0. Urheber der Originale: Perconte/Regnaron (Quelle), Jungpionier (Quelle).

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